KW 17: Gefangen in der Gründerzeitschleife

Wer in Hamburg weilt und den einschlägigen Vierteln (zum Beispiel uns hier in Winterhude) einen Besuch abstattet, ist meistens ganz begeistert von den vielen Gründerzeitbauten. Die Quadratisch-Praktisch-Gut-Architektur der Gegenwart stößt wiederum auf mehr oder weniger einhellige Ablehnung. Warum wird dann trotzdem so gebaut?

Es gibt wenige Lebensbereiche, in denen das Früher-war-alles-besser-Denken mehr Mainstream ist, als in der Architekturwahrnehmung. In unserem Link der Woche – „Eintönige Neubauten“, einem Kommentar zur aktuellen Bausituation aus der FAZ – verweist die Autorin Nadine Oberhuber auf eine interessante Umfrage. Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft an der TU Chemnitz, hat sich mit der Frage beschäftigt, ob es so etwas wie eine „objektive Schönheit“ in der Architektur gebe. Die Antworten von rund 100 Befragten zeigen ein sehr eindeutiges Ergebnis und zwar unabhängig von Bildungsstand, Alter und Herkunft. 95 Prozent der Befragten würden vorzugsweise in Gründerzeithäuser einziehen. Mit etwas Abstand folgten Neubauten im Gründerzeitstil. Mehrheitlich negativ beurteilt: Bausünden in Waschbeton (kein Wunder), aber auch moderne kubistische Wohnwürfel. Dieses Ergebnis überrascht vielleicht in seiner Eindeutigkeit, nicht aber in der Tendenz. „Ach, ich würde so gerne im Altbau wohnen“ ist ein Standardsatz unter Hamburgs Wohnungssuchenden – und da wird sich Hamburg wohl wenig vom Rest der Republik unterscheiden. Die Gründerzeitbauten, zu denen wir hier um der Einfachheit willen auch die die etwas später entstandenen Jugendstilbauten zählen, stehen für eine Architektur, die mit ihren Verzierungen, hohen Decken und Holzböden das Stilbewusstsein der Menschen anspricht. Ihre Beliebtheit führt dazu, dass Menschen bereit sind, besonders viel Miete für eine hübsche Altbauwohnung hinzublättern – mit den bekannten Effekten: „Das Phänomen der Gentrifizierung findet sich in Deutschland hauptsächlich in Vierteln mit überwiegend oder ausschließlich gründerzeitlicher Bebauung“, weiß Wikipedia.

 

Die Tatsachen liegen also auf dem Tisch. Aber warum sieht die Architektur von heute dann so anders aus? Warum hat sich der Rationalismus („Häuser ohne Eigenschaften“ nennt das Oberhuber), der sich auch aus dem Bauhaus-Gedanken entwickelte, so flächendeckend durchgesetzt. Das hat auch die FAZ-Autorin Nadine Oberhuber gefragt und vom Architekten und Real-Estate-Manager Paul van der Kuil eine einleuchtende Antwort erhalten: Die Auftraggeber und die Nutzer solcher Gebäude hätten sich mehr und mehr voneinander entkoppelt. Investoren würden halt gerne möglichst wenig zahlen – und solange der Wohnungsmarkt ein Markt ist, in dem die Nachfrage das Angebot übersteigt, wird das Haus sowieso voll. Ganz gleich ob Waschbeton-Silo oder nicht. Für Professor Thießen steht jedoch ein Umdenken vor der Tür: Die Zeiten, in denen sich fast jeder Wohnraum vermarkten ließ, seien bald vorbei: „Das wird sich aufgrund der zu erwartenden demographischen Entwicklung mit sinkenden Bevölkerungszahlen ändern". Gut also, dass er schon mal angefangen hat zu ermitteln, was den Architekturgeschmack der Menschen ausmacht. Nicht ganz so gut allerdings, was daraus werden könnte: In Hamburg-Eimsbüttel wird etwa ein Gebäude gefeiert, das bis aufs Gesims der umliegenden Gründerzeitbebauung ähnelt. So eine Retroarchitektur in Endlosschleife wird hoffentlich nicht der Königsweg moderner Investorenarchitektur. Wünschenswert aber wäre durchaus, wenn Vielfalt, spielerische Elemente und natürlich auch Wohnkomfort die rein niedrigkostengetriebene, rationale Architektur stechen könnte.

Dolce & Gabbana im Küchenschrank

Wie oben schon erwähnt, ist es ein Fehler zu glauben, dass Geldsparen beim Bau eine höhere Rendite bringt. Im Gegenteil: Friedrich Thießen hat auch herausgefunden, dass für ein als ästhetisch empfundenes Haus mehr Miete kassiert werden kann. Schönheit lohnt sich also – und das ist im Inneren des Hauses schon lange eine Tatsache: Für Individualität und Design wird viel Geld ausgegeben (vielleicht auch, weil die Bewohner von Betonschachteln es wenigstens drinnen hübsch haben wollen). Das wissen auch die Designer von Dolce & Gabbana, die bereits die zweite Kollektion an Küchengeräten herausbringen. Beim ersten Mal musste man bis zu 35.000 Euro berappen, um eines der Küchengeräte von Smeg im Design des italienischen Modegiganten sein eigen nennen zu können. Die neue Kollektion „Sicily Is My Love“, die ihren Namen von den Einflüssen sizilianischer Kunst hat und also ziemlich blumig und sehr bunt ist, soll günstiger sein. Ob sie auch schön ist, liegt im Auge des Betrachters. Wahrscheinlich würden 97 Prozent der Befragten so einen D&G-Mixer geschenkt nehmen – und 75 Prozent würden ihn dann nach drei Wochen doch im Eckschrank ihrer Altbauwohnung verstecken, weil norddeutscher Stuck eben doch nicht zu sizilianischer Opulenz passt.

Wir wünschen Ihnen viel Glück bei der Altbausuche und wenn Sie gerade keine Wohnung brauchen, einfach mal ganz schlicht und ergreifend eine schöne Woche!
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION