KW 18: Das französische Notizbuch aus Italien

Die Marke Moleskine ist eine Erfolgsgeschichte, die so erfolgreich ist, weil sie auf einer guten Geschichte beruht. Wer das kleine Notizbuch bei sich trägt, ist ein 24h-Kreativer, dem nie ein guter Gedanke durch die Lappen geht und der in sich in den Fußstapfen von Pablo Picasso oder Bruce Chatwin ziemlich wohl fühlt. Ist ja egal, dass die Unternehmensgeschichte von Moleskine auf einem ziemlich geschickten Konstrukt beruht. 

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„Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt“ – so heißt es im Titellied der Fernsehserie Pippi Langstrumpf. Die Autorin Astrid Lindgren hatte beim Schreiben natürlich ihre Heldin Pippi Langstrumpf im Kopf. Heute hat sich die Bedeutung dieser Textzeile auf die dunkle Seite der Macht geschoben. Schuld daran sind die Troll- und Hackerbuden dieser Welt oder Redaktionen wie die von Breitbart News, die die Welt mit verfälschten Nachrichten verseuchen. Auch Agenturen und Unternehmen nehmen es mit der Wahrheit oftmals nicht so genau. Man kann darüber streiten, ob verkaufsfördernde Fiktionen harmlos sind oder ob auch hier ethische Maßstäbe verletzt werden. Fest steht: Sie können beeindruckend gut funktionieren (was sie mit ihren dunklen Brüdern aus der Fake-News-Welt gemein haben). Ein Top-Beispiel für eine Marke, deren Erfolg auf einer einigermaßen großzügigen Auslegung der Wirklichkeit beruht, ist unser Link der Woche. Die Marke Moleskine, konstatiert Lena Klimkeit, lebe von der „Kraft des Storytelling“. Niemand brauche heute noch Notizbücher. Termine, Gedanken oder Ideenskizzen würden schon längst bequem digital festgehalten. Trotzdem stiegen die Verkaufszahlen seit 20 Jahren, also dem Tag als das erste Moleskine-Notizbuch über den Ladentisch wanderte.

Seit 20 Jahren? Moment mal! Haben nicht schon Pablo Picasso, Vincent Van Gogh und Ernest Hemingway ihre Karrieren auf dem schicken Büchlein aufgebaut? Ja und Nein. Im 19. und 20. Jahrhundert waren Notizbücher mit ähnlichen Eigenschaften wie die heutigen Moleskines weit verbreitet unter Avantgarde-Künstlern. Sie hatten allerdings keine Namen, sondern wurden von kleinen französischen Buchbindereien gefertigt, die die Pariser Papierwarengeschäfte belieferten. Getauft wurden sie erst 1986 von dem britischen Schriftsteller Bruce Chatwin, der in seinem Buch „Traumpfade“ einen Schreibwarenhändler sagen lässt: „Le vrai Moleskine n’est plus“ – den echten Moleskine gibt es nicht mehr. An diesen Satz wiederum erinnerte sich Maria Sebregondi in Mailand, als sie die Idee entwickelte, die tatsächlich nicht mehr erhältlichen Notizbücher neu aufleben zu lassen. Mit dem Namen, den Chatwin für sie gefunden hatte. Die Marke Moleskine war geboren. Wer heute eines dieser Notizbücher kauft, kauft ein Image: ein französische Handwerksprodukt, das seit Jahrhunderten Kulturgeschichte geschrieben hat. Dass davon nur die Hälfte stimmt – egal. Zumal es auch ohne die Geschichte ein gutes Produkt ist, das auch nach und nach im 21. Jahrhundert ankommt: „Die Seiten des neuen ‚smarten‘ Notizbuchs sind immer noch aus Papier, lassen sich aber über einen Stift ins Digitale übertragen“, schreibt Lena Klimkeit. So wird auch die Fake-Welt der Notizbuchkünstler langsam aber sicher digital.

50/50 statt 60/40

Digitaler und technischer wird’s auch in der Küche: Galt früher noch die Faustregel „60% Holz, 40% Geräte“, hat sich das Verhältnis heute zu „50/50“ entwickelt – mit der Tendenz zur weiteren Verschiebung hin zum Gerät. Das meldete Dirk Biermann im Küchenplaner. In der Küche würde – zumindest im gehobenen Preissegment – die technische Ausstattung immer wichtiger. Gut ausgestattete Backöfen, Kochfelder und Dunsthauben seien längst Lifestyle-Faktoren, für die auch höhere Ausgaben für die neue Küche in Kauf genommen würden. Diese Verschiebung sei keinesfalls nur von technischen Gimmicks getrieben. Es gehe vielmehr um Emotionen: „ (…) Auf der LivingKitchen wurde deutlich, dass die Gerätetechnik den ‚Erlebnisraum Küche‘ zunehmend emotional dominiert. Fast alle führenden Hersteller (…) drehten mit sinnlich geprägten Präsentationen das ganz große Messe-Rad.“ Die Entwicklung dürften, so Dirk Biermann, die „premiumbedachten Holzfachleute“ argwöhnisch im Blick haben.

Ein solches sinnliches Technik-Erlebnis bietet der Muldenlüfter, der derzeit Erfolgsgeschichte schreibt. Für Mieles Kochfeld mit integriertem Dunstabzug hat gerade die Agentur McCann eine Printkampagne entwickelt, die in ihrer Schlichtheit sehr präzise deren Vorteile auf Papier bringt. Dass wir auf Werbekampagnen verlinken, kommt eher selten vor. Doch neben den Miele-Motiven haben uns letzte Woche noch zwei sehr unterschiedliche Spots beeindruckt: die lustige virale Retourkutsche von Edeka, mit der der Hamburger Vollsortimenter auf ein Schmähvideo von Lidl reagiert. Einen ernsteren Hintergrund hatte die Inszenierung von Jung von Matt für die Integrationsinitiative „Wir zusammen“ – hier zeigt ein Spot wie Integration mit einer kleinen Geste beginnt.

Wir wünschen Ihnen viele kleine Gesten mit großen Effekten und einen guten Start in die Woche! Ihr Team von GOOS COMMUNICATION