KW 19: „Kill The Success“ – es lebe der Erfolg!

In einer Zeit, in der jeder mehr oder weniger alles hat, sind es oft nicht mehr die Produkte, die verkauft werden. Es ist das Lebensgefühl, das Image, für das sie stehen. Die dänische Einrichtungskette Søstrene Grene hat das verstanden. Sie hat nichts, was andere nicht auch hätten – trotzdem stehen die Kunden Schlange … 

„Time you enjoy wasting is not wasted“ – Zeit, die du gerne vergeudest, ist nicht vergeudet. Wenn ein Unternehmen in unserer bis auf die Minute getakteten, auf Effizienz getrimmten Gesellschaft ein solches Motto hat, sind Sympathiepunkte fällig. Und zwar nicht zu knapp. Bei Søstrene Grene, einer dänischen Einrichtungskette, die gerade Europa erobert, ist genau dieser Spruch der Erfolgstreiber: „Mein Vater hat immer darauf beharrt“, erzählt Mikkel Grene der Süddeutschen Zeitung. Anne Backhaus liefert ein spannendes Porträt des Unternehmens – aus dem jeder, der etwas zu verkaufen hat, eine Menge lernen kann. Das Faszinierende an Søstrene Grene ist, dass es in dem Geschäft nichts gibt, was es anderswo nicht auch gäbe. Es ist auch nichts erhältlich, was man unbedingt zum Überleben benötigt. Es gibt: Kerzen, Filzkissen, Kaffeebecher, Briefumschläge, Vasen, Geschirrbürsten. Was man halt in einem Gemischtwarenladen kauft. Mikkel Grene glaubt, dass niemand in den Laden käme, um „ein bestimmtes Produkt zu kaufen“. Die Menschen stünden Schlange, weil sie „sich gut fühlen wollen und dann vielleicht auch etwas kaufen. Etwas, das sie sich ohne Probleme leisten können“.

Der dänische Krämerladen ist immer noch ein Familienbetrieb und er wird immer noch so ähnlich geführt, wie es der Gründer, Mikkel Grenes Vater, sich überlegt hatte. Der sah sich vor das Problem gestellt, seine Kunden von der Straße in den ersten Stock locken zu müssen. Er wusste, dass sich sein Laden vom Wettbewerb absetzen müsste, damit das funktioniert. Sein Laden sollte wie ein Markt sein. „Ein schöner Ort mit lauter Dingen, von denen man vorher nie weiß, dass es sie dort gibt“, wie Anne Backhaus schreibt. Genau das unterscheidet Søstrene Grene von den Butlers‘ und Strauss‘ dieser Welt, also den Wohnaccessoire-Ketten, die gerade in ernsthaften Schwierigkeiten stecken oder ganz dicht machen mussten. Die Produkte sind ähnlich, aber ihr Design ist schöner. Und: Der Ladenbesuch ist ein Erlebnis. Klassische Musik, sorgfältige Dekoration, angenehmer Duft. So, wie es in den mittlerweile 140 Filialen aussieht, wünscht man sich die Welt. „Das passt super zum Rückzugstrend, zum Aussperren alles Unschönen in politisch nicht eindeutigen Zeiten.“ Dass man trotzdem manchmal gewalttätig werden muss, um erfolgreich zu bleiben, gehört zum Konzept: „Kill the success“ – nennt das der Bruder von Mikkel Grene, der ebenfalls in der Geschäftsführung sitzt. Warum das nichts mit Selbstmord zu tun hat, sondern eher der Erfolgsstabilisierung dient, können Sie hier nachlesen.

 Auf der Verliererseite der nächsten industriellen Revolution

Mahnende Worte kamen letzte Woche vom Präsidenten des Art Directors Club (ADC), der zentralen Interessenvertretung der Kommunikationsbranche. Im Interview mit Horizont ruft Stephan Vogel das Motto „Disrupting Deutschland“ aus – und fordert ein grundlegendes Umdenken, um Deutschland davor zu bewahren, bei der nächsten industriellen Revolution auf der Verliererseite zu stehen. Zur Erinnerung: „Disruption bedeutet Revolution. Eine neue Idee ändert auf einen Schlag alles.“ Disruption ist eins dieser Worte, ohne die gerade keine Powerpoint-Präsentation auskommt. Auf keinem Kongress, auf keinem Managerseminar darf die Disruption fehlen. Und natürlich auch nicht in der Chefetage des ADC. Bei allem Hypeverdacht – Stephan Vogels Forderung nach einer kreativen Disruption wohnt ein wahrer Kern inne: Deutschland sei ein Technologie-Meister. Ein Land der Ingenieure. Die ganz großen Änderungen würden aber nicht mehr allein auf Technologie-Ebene entwickelt. Bei der Entwicklung des iPhone, das Stephan Vogel als Beispiel anführt, wurden Designer und Kreative von Beginn an einbezogen. „Hierzulande aber gelten Kreative immer noch als Kasper, die man am Ende eines Entwicklungsprozesses bittet, ein paar Schleifchen und Girlanden zu binden.“ Für Vogel wird es Zeit, dass Ingenieure und Kreative den Schulterschluss wagten, denn: „Kreativität ist kein Luxus, sondern ein Erfolgsfaktor der Wirtschaft. Im Zeitalter von Mikroelektronik und Digitalisierung findet die Produktdifferenzierung über das Design statt.“ Für diese These muss man übrigens nicht mal die Mikroelektronik bemühen – es reicht der Blick auf die simple Wachskerze, wie das Beispiel von Søstrene Grene zeigt.

Wir wünschen Ihnen also eine kreativ-technologische Woche voller Disruptionen. Zumindest von 9 bis 18 Uhr. Danach können Sie sich gerne ein bisschen dänische Gemütlichkeit gönnen!

Ihr Team von GOOS COMMUNICATION