KW 2: Musik und Design für alle!

Postmoderne Trendforscher haben ein Problem: Den einen bestimmenden Trend gibt es seit langem nicht mehr. Das zeigt auch der Trendreport des VDM zur imm cologne … 

 Inside "Elphi"

Inside "Elphi"

Jeden Januar zur imm cologne erwartet die Branche mit Spannung den Trendreport des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Dabei wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, aus den vielen, sich überlagernden Strömungen und Entwicklungen die Trends herauszuarbeiten, die so lange Bestand haben, dass es sich für Möbelhersteller lohnt, sie für ihre Kollektionen aufzugreifen. „In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein“ – das berühmte Bonmot von Andy Warhol hat sich nicht nur in Popmusik und Kunst bewahrheitet, sondern ist auch in der Möbelbranche nicht weit von der Realität entfernt. Wobei – und da liegt die Trendanalystin des VDM Ursula Geismann ganz richtig – man heute Moden und Trends sehr genau von den sogenannten Megatrends unterscheiden sollte, also den grundlegenden, gesellschaftlichen Einflüssen. Und gerade die Megatrends sind es, die langfristig die Entwicklung in bestimmten Branchen bestimmen. 12 aktuelle Entwicklungen sind es, die Ursula Geismann in diesem Jahr ausmacht, und die die Gestaltung unserer vier Wände bestimmen: Konnektivität, Gender Shift, Silver Society, Mobilität, Neo-Ökologie, Sicherheit, Gesundheit, New Work, Urbanisierung, Individualisierung, Globalisierung und Neues Lernen. Einige davon begleiten uns schon eine ganze Weile, andere Aspekte sind neu hinzugekommen. Interessant sind zum Beispiel ihre Ausführungen zur neuen Rückzugskultur: Die meisten Menschen seien eigentlich friedliebend. Die politischen Konflikte führten nun zu einer „Tür zu und Ruhe“-Kultur, in der das Zuhause, gerne verziert mit Nostalgie-Möbeln, zur Zuflucht und Entschleunigungszone wird. Flankiert werde diese Entwicklung von einer Sicherheitskultur, die sich etwa im automatischen Rollladen oder in der Video-Überwachung niederschlägt – zwei Themen, die auch das Smart Home der imm cologne aufgreift. Wer jetzt ganz konkrete Vorschläge für ein Design erwartet, wird leider enttäuscht: „Heute ist Design international, es ist Welt-Design, für die ganze Welt und aus der ganzen Welt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts machte man dafür die Internationalisierung durch eine sogenannte kulturelle Kolonialisierung verantwortlich. 150 Jahre später die Globalisierung, weil die Möbel weltweit eine globalere Formensprache annehmen, die sich vor allem im urbanen Raum durch die sich anpassenden Wohngewohnheiten ergibt.“ Mit anderen Worten: Macht was ihr wollt, solange es funktional an die Megatrends angepasst ist, also natürlich, sicher, geschlechts- und altersneutral und wenigstens ein bisschen vernetzt. Ach so, und selbverständlich grün

Musik für alle

Apropos „Design für alle“: Was Ursula Geismann für die Möbelbranche prognostiziert, nämlich eine Demokratisierung der Gestaltung durch alle Altersgruppen, vollzieht sich im musikalischen Bereich gerade in Hamburg. Und auch, wenn man gefühlt schon über jeden einzelnen Stein der Elbphilharmonie drei Artikel lesen konnte, wollen wir doch noch kurz auf den neuen Musiktempel eingehen. Letzte Woche verlinkten wir einen Artikel aus „Die Zeit“, in der das Bürgerengagement für die Elbphilharmonie erläutert wurde. Klar, den Löwenanteil am Bau mussten die Steuerzahler schultern, dafür hat Hamburg jetzt eine „Kultur-Arche, wo wir Menschen mit unserem Glück, aber auch mit unseren Nöten – gerade in dieser sehr bewegten, heftigen Zeit – einen Zufluchtsort finden. Wo Kunst stattfindet, wo Musik stattfindet. Eine Arche in politisch stürmischster See. Ich find's fantastisch, dass das gebaut wurde. Es hat auch etwas Sakrales." Diese Worte, die perfekt zum Sicherheitstrend der imm cologne passen, stammen vom Komponisten Jörg Widmann, dessen eigens für die Elbphilharmonie komponiertes Oratorium am Freitag Premiere feierte – und mit einer musikalischen wie thematischen Tour de Force das Publikum begeisterte. Sogar der Kritiker der „Welt“, der nach der Premiere noch recht kritische Töne anschlug, musste sein Urteil revidieren. Eine, wie wir jetzt aus eigener Erfahrung wissen, eindrucksvolle Akustik, ein abwechslungsreiches, hochkarätiges Programm, Kartenpreise, die sich (zumindest gelegentlich) jeder leisten kann – eigentlich ist alles perfekt an der Elbphilharmonie. Nur eins nicht: Mit ihren 2.100 Plätzen wird es 2,26 Jahre dauern, bis jeder Hamburger einen Abend in der Elphi verbringen durfte. Etwas Geduld ist also gefragt. Aber das passt ja wiederum hervorragend zum Trend der Entschleunigung.

Wir wünschen Ihnen eine ruuuuhiiiige Woche!
hr Team von GOOS COMMUNICATION