KW 23: Leben im 21. Jahrhundert - Pleiten, Probleme, Komplikationen und Fußball

Es ist zwar mittlerweile offiziell widerlegt, dass früher alles besser war. Trotzdem: die alten Römer, Kelten oder Hugenotten hatten einen entscheidenden Vorteil: es gab noch kein Internet. Keine Wortmarken. Keine Abmahnwellen. Keine sozialen Medien. Aber dafür auch noch keine Fußball-WM. 

Vor der WM war die Schweinsblase: Mit einer gefüllten Schweinsblase traten in England Dörfer gegeneinander an. Das Ziel der manchmal mehrtägigen und ziemlich gewalttätigen Wettbewerbe war es, den „Ball“ durch das Stadttor eines Dorfs zu bringen. So sah Fußball im frühen Mittelalter aus – und über viele Stationen, wie zum Beispiel eine Runde von Cambridge-Studenten, die 1848 die ersten Regeln zu Papier brachten, landete der Sport ganz oben auf der menschlichen Sportverwertungskette und dort wiederum ganz oben steht die WM. Womit wir bei den Pleiten, Problemen und Komplikationen und beim ersten Link der Woche wären: Das Wirtschaftsmagazin impulse beschreibt, wie man die WM für seine Werbung nutzen kann und wie nicht. Essentielle Lektüre für alle, die mit dem sportlichen Großereignis ihre Absätze steigern wollen. Kleine Fehler können hier nämlich schnell große Folgen haben. Die FIFA hat sich eine ganze Menge Rechte gesichert, bei deren Verletzung teure Abmahnungen folgen können. Wortmarken zum Beispiel: „World Cup“, „WM 2018″, “FIFA Fußball-Weltmeisterschaft“ und „Russia 2018“ – all das sind Buchstabenkombinationen, die man besser nicht nutzen sollte, schreibt Julia Wehmeier. Trotzdem gäbe es Möglichkeiten. Man könne etwa Fußballbegriffe oder -symbole nutzen, die genauso effektiv seien. Tatsächlich: Echten Fußballfans reicht wahrscheinlich gerade ein Wort wie „rund“ oder „Putin“, um eine Assoziationskette auszulösen, an deren Ende der 5. Stern auf den Trikots der Nationalmannschaft steht – und vor lauter Begeisterung die vierfache Menge an Würstchen/Brötchen/Socken gekauft wird.

Es wird noch komplizierter

„Das war ja noch gar nicht so kompliziert“ – werden Sie sagen. Stimmt. Wer ein paar Regeln beachtet, kann Ärger mit der FIFA und hohe Kosten vermeiden. Ganz anders sieht es mit der Problematik um die DSGVO aus, bei der niemand so recht weiß, was man tun oder nicht tun muss, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Und als wäre das noch nicht genug, kommt neuer Netz-Ärger nach einem Urteil des EUGH auf uns zu. „Müssen nun alle Facebook-Seiten geschlossen werden?“ lautet die Überschrift unseres zweiten Links der Woche. In dem Urteil nimmt der Europäische Gerichtshof nämlich eine Risikoverschiebung vor. Auch die Betreiber von Facebook-Seiten werden damit haftbar für Facebooks (potentielle) Datenschutzverstöße. Der Artikel sieht darin einen fundamentalen Shift in der noch jungen Online-Kultur: „Diese Entscheidung könnte (…) das Internet in der heutigen Form radikal verändern. Denn auch wenn es in dem Fall um Facebook geht, kann die Entscheidung auf alle Online-Dienste, soziale Netzwerke, Social Plugins, Tracking- und Remarketing-Tools oder eingebettete Inhalte, wie z.B. YouTube-Videos angewandt werden.“ Warum man jetzt trotzdem nicht sofort den Facebook-Account löschen sollte, beschreibt Rechtsanwalt Dr. Thomas Schwenke sehr ausführlich und gut lesbar.

Wie oben gesagt: Dass früher alles besser war, ist offiziell widerlegt. Trotzdem zeigen diese beiden Beispiele, dass es nicht ganz einfach ist, im 21. Jahrhundert zu leben. Jeder von uns muss nicht nur Programmierer, Texter und Grafiker für sein Leben im Internet sein, wir müssen uns vor allem mit langweiligen, aber essentiellen Fragen herumschlagen, wofür man früher einfach Juristen beauftragt hat. Das Fürchterlichste aber ist: Auch außerhalb des Internets lauern Gefahren. In der offenen Küche nämlich! Da haben wir gedacht, dass die Küche als offener Kommunikationsraum ein wenig zur besseren Welt beiträgt. Pustekuchen. Der Raumpsychologe (interessanter Jobtitel auch) Uwe Linke erzählt im Interview mit ntv, dass mit offenen Grundrissen wichtige Rückzugsorte verloren gingen. Und auch an dieser Entwicklung trägt das Internet eine Mitschuld: „Unser Leben ist gläsern geworden, weil wir zum Beispiel über das Internet viel preisgeben. Aber wir sind uns inzwischen auch bewusst, dass es notwendig ist, uns vor allzu großer Öffentlichkeit zu schützen. (..) Das sollte sich im Zusammenleben auch in der Gestaltung von Grundrissen widerspiegeln.“ Das Motto für die nächsten Jahre also: Zurück in die Zelle. 

Wir wünschen Ihnen trotzdem eine schöne Woche! Ihr deprimiertes und kompliziertes Team von GOOS COMMUNICATION