KW 28: Raus aufs Land – über die neue Stadtflucht

In unserer Filterblase kommt sie ja kaum mehr vor, die Landbevölkerung. Klar, Oma, Opa und Onkel Hans halten Stellung in Schneverdingen, Großenrade, Bopfingen oder wo auch immer. Ab und an fährt man raus zur Familie und freut sich über gute Luft und frische Eier. Das war’s aber auch schon. Dieses Bild wandelt sich langsam.

Foto © Christoph Hesse Architects

Die Zahlen, die das Statistikportal Statista zur Verteilung von Stadt- und Landbevölkerung ermittelt hat, sprechen eine deutliche Sprache. 1950 lebten knapp 30 Prozent der Menschen in den Städten. Aktuell ist es rund die Hälfte. 2030 sollen es schon 60 Prozent sein. Und in Deutschland liegen die Zahlen weit drüber. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Die wichtigste ist sicherlich die Existenzsicherung: In den Städten findet man Arbeit, auf dem Land immer weniger. Doch es gibt noch andere Gründe: die kulturelle Vielfalt zum Beispiel. Die Abwechslung, die das Stadtleben bietet. Die (vermeintliche) Weltoffenheit der Städter, die im diametralen Gegensatz zur (vermeintlichen) provinziellen Engstirnigkeit der Dörfler steht. Wer in der Stadt lebt, kann sich meist nicht mehr vorstellen, die teure 3-Zimmer-Wohnung gegen ein Haus im Grünen einzutauschen. Soweit Statistik und Lebenserfahrung in unserer urbanen Filterblase.

Langsam allerdings ändert sich das Bild. Wie jeder Stadtbewohner weiß, erkauft man die Pluspunkte des urbanen Lebens mit einer Menge Nachteile. Feinstaubbelastung, Verkehrsinfarkte, Lärm, hohe Mieten, Harley Days – all das trägt dazu bei, dass die Entwicklung in Deutschland sich umkehrt. Das behauptet zumindest ein Artikel auf Spiegel Online: „Erstmals seit zwanzig Jahren war 2014 in den sieben größten Städten der Wanderungssaldo, wie Wissenschaftler die Differenz aus Zu- und Fortzügen nennen, negativ. 2015 hat sich die Trendwende fortgesetzt.“ Dass die Städte trotzdem wüchsen, sei hauptsächlich auf zugezogene Ausländer zurückzuführen.

Die Architekten sind schon bereit fürs neue Landleben

Ob das nun so stimmt oder nicht, mag erstmal offen bleiben. Sicher ist allerdings: Das Image des Landlebens wird langsam wieder besser. Und das führt uns auch zu unserem Link der Woche, der zu einer spannenden Bildergalerie in Schöner Wohnen führt: Die Architektur, die ja immer auch ein Seismograph sozialer Entwicklungen ist, arbeitet längst an visionären Konzepten für das Landleben der Zukunft. Eine Auswahl solcher Entwürfe für ein modernes Landleben zeigt jetzt die Ausstellung „Ways of Life“, die auf der experimenta urbana im Rahmen der documenta stattfindet. Jenseits des verkitscht-pilcheresken Bildes, das Magazine wie Landlust, Landliebe oder Hörzu Heimat zeichnen, haben die zwanzig Architekten Visionen von Wohnen in der Natur entwickelt, in der sich auch der Hipster aus St. Pauli wohl fühlen könnte. „From Roots to Crowns“ heißt das Projekt des italienischen Architekturbüros Noa. Der Name ist wörtlich zu nehmen: Dank einer hydraulischen Vorrichtung kann das Gebäude in drei verschiedene Positionen gebracht werden: in die Erde, auf Bodenniveau und auf Baumwipfelhöhe – so können die Bewohner die Natur aus unterschiedlichen Blickwinkeln erleben. Das „MH House“ von Fake Industries hat ein anderes Ziel: Es soll möglichst günstig und flexibel sein. Aufgrund der modular-minimalen Konstruktion kann die 34 Quadratmeter große Stahlkonstruktion binnen weniger Tage komplett aufgebaut werden – und kostet am Ende lediglich 5.000 Euro. Mit Terrasse! Offenheit und Erdverbundenheit charakterisieren den Entwurf von Christoph Hesse. "The Open House" kommt nahezu ohne Wände aus und bringt so Interieur und Exterieur zusammen. Auch beim Projekt „Ying & Yang“  geht es um Harmonie. In diesem Fall zwischen Leben und Arbeiten. Zwei ineinandergreifende Haushälften bilden gemeinsam ein großes Ganzes – und ein Garten drumherum und obendrüber soll den Gang in die Gemüseabteilung des Supermarkts überflüssig machen.

Alle 20 Entwürfe der Ausstellung „20 Ways of Life“ sind sehenswert – und alle machen Lust darauf, Natur und ländliches Leben neu zu entdecken. Das Beste daran: Es bleibt nicht beim Entwurf. Auf der Halbinsel Scheid in Nordhessen kann man die freistehenden Landhäuser erleben. Denn auch dort sorgt der demographische Wandel für Tristesse. Das Projekt soll „(…) dazu beitragen, junge Leute, die aus der Region stammen, nach ihrer Ausbildung in den urbanen Zentren, zurückzugewinnen und darüber hinaus neue Mitbewohner anzuziehen.“ Hoffen wir mal, dass es dann nicht zu voll wird.

Wir wünschen Ihnen eine urban-rurale Woche, in der sich Yin & Yang die Waage halten!Ihr Team von GOOS COMMUNICATION