KW 35: Eine Welt der wohligen Mitte

Die Pressestimmen ähneln sich: Von „öffentlichen Koalitionsverhandlungen“ spricht die Schwäbische Zeitung, von „Duett statt Duell“ der Perlentaucher. Das TV-Gipfeltreffen von Angela Merkel und Martin Schulz war vor allem eins: nicht kontrovers. Und damit verbindet es eine Menge mit dem neuesten Lifestyle-Trend aus Skandinavien. Auch bei Lagom geht es um Harmonie.


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Heute bestimmt ein Thema die Titelseiten: das Aufeinandertreffen von Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz im TV-Duell. Ein Höhepunkt in diesem an Höhepunkten recht armen Wahlkampf sollte es werden - wurde aber zu einer Kuschelveranstaltung, bei der Konflikte allenfalls halbgar thematisiert wurden und kaum ein Aufreger das Idyll zu stören vermochte (bis auf Claus Strunz). Über 16 Millionen Fernsehzuschauer wollten das sehen – und man fragt sich warum. Es war ja vorher absehbar, dass weder Spannung, noch Erkenntnisgewinn, noch gute Witze, noch romantische Momente zu erwarten waren. Wahrscheinlich waren die 16 Millionen Zuschauer Anhänger des neuesten Lifestyle-Trends aus Schweden. Passen würde es. Bei „Lagom“ geht es um das richtige Maß, „die Mitte zwischen ‚zu viel‘ und ‚zu wenig‘“ – so beschreibt Katharina Dippold in unserem Link der Woche den Trend der das dänische Hygge auf den Friedhof der Trends von Gestern schickt.

Beide Trends haben das gleiche Ziel. Sie geben Handlungsanweisungen, um glücklicher zu werden. Während die Hygge-Fraktion den Weg zum Glück darin sieht, es sich einfach nur nett, gemütlich und angenehm zu machen, bemühen die Anhänger des Lagom quasi-philosophische Gedankengebäude: „Letztlich geht es darum, dass man im Leben alles im richtigen Maß machen solle. Gleichzeitig wirkt das Prinzip aber auch nach innen und soll dabei unterstützen, Harmonie und inneres Gleichgewicht zu finden“, schreibt Katharina Dippold. Wie bei den großen Lehren des Einklangs, dem Yin und Yang oder Aristoteles‘ „Glück der Mitte“ (mesotes), gehe es um Balance. Und die erreiche man durch Sparsamkeit bei Geld-, Wasser- und Energieverbrauch, den Konsum von fairen, nachhaltig produzierten Produkten und einen gesunden und bewussten Lebenswandel.

Lagom sei übrigens „eine grundlegende schwedische Charaktereigenschaft, die jegliche Lebensbereiche umfasst“ – und die in dem Welt-Artikel hübsch dargestellt wird. Der Legende nach haben schon die alten Wikinger nach Lagom-Prinzipien gelebt. Dass bei ihnen der Krug Met in der Runde kreiste, habe nicht an Trinkhornmangel gelegen, sondern daran, dass jeder Wikinger gleichberechtigt einen Schluck daraus nehmen sollte. Die Gemeinschaft sei wichtig, der Einzelne habe deswegen bescheiden und zuverlässig zu sein. Diese Eigenschaften würden auch Mode und Design dafür sorgen, dass ein hochwertiger Understatement-Look das Land beherrsche. Bei der Einrichtung fokussiere man sich auf Gegenstände, „die eine emotionale Bedeutung haben“.

Gestalterische Extreme und die Politik der Mitte

„Schnarch, Gähn“, werden Sie sagen. „Haben wir doch alles schon gehört.“ Und da haben Sie auch nicht ganz Unrecht. Von Achtsamkeit über Entschleunigung bis zu Hygge-Lagom rät die halbe Ratgeber-Literatur der letzten Jahre immer wieder das gleiche. Und manchmal wünscht man sich doch eine Welt zurück, in der etwas gewagt wird. Die zumindest bis zu einem gewissen Grad an Exzess, Maximalismus, Übertreibung und Kontroverse abarbeitet und scheitert, dabei aber wenigstens nicht langweilig ist. Andererseits: In der gegenwärtigen Unübersichtlichkeit mit ihren unberechenbaren Trumps, Kim Jong-uns, Erdogans, mit ihren Klimakatastrophen, Hungersnöten und Terroristen ist die Mitte ein ganz erstrebenswertes Prinzip. Und wer in einem TV-Duell mehr Kontroverse und Streit fordert, sollte bedenken, dass beides in letzter Zeit eher zu den Werkzeugen der Unsympathen gehört. Provozieren, laut sein, verbal attackieren – in der Politik beißen die „Hunde, die bellen“ eben doch. Und gerade, wenn verhandelt wird, in was für einem Land wir „gut und gerne leben“ (der CDU-Slogan, der doch nicht von der SED kam), ist eine sorgfältige, kenntnisreiche Abwägung der vielen Fürs und Widers wünschenswert, ja notwendig – auch wenn sie langweilig sein mag. In Design und Einrichtung wiederum könnten wir auf den x-ten Kerzen-Kuschel-Karamellfarben-Trend gut verzichten.

Wir wünschen Ihnen ein baldiges Erreichen der Wochenmitte,
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION