KW 38: Der Weg der Tante-Emma-Läden?

Der Krämerladen um die Ecke ist aus unserem Straßenbild so gut wie verschwunden. Und manch einer prognostiziert auch Autohäusern, Supermärkten und Küchenstudios ein ähnliches Schicksal. Doch die haben, wie wir meinen, ganz gute Chancen, die dunkle Bedrohung Internet zu schlagen: mit deren eigenen Waffen!

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Rund um die Hamburger Binnenalster trifft Zukunft auf Vergangenheit: Während im Westen das ehrwürdige Hotel „Vier Jahreszeiten“ Tradition und Komfort verbindet, verkörpert der Apple Store am Jungfernstieg digitale Innovation – und auch am östlich gelegenen Ballindamm wird Zukunft gemacht. Dort geht der Autohersteller Daimler komplett neue Vertriebswege. Mit einem Cocktail oder Latte Macchiato in der Hand und einem wundervollen Ausblick auf das Binnengewässer können die Kunden im Mercedes me Store einfach verweilen, an einer der vielen Sonderaktionen teilnehmen oder eben ihren neuen Wagen bestellen. Autos verkaufen, ohne Autos zu zeigen, zumindest nicht außerhalb des riesigen Screens – das ist das Konzept des Stores, und steht damit in krassem Kontrast zum klassischen Autohaus an der Ausfallstraße. Basis für den Autokauf ist ein Konfigurator, mit dem der Traumwagen am Monitor zusammengestellt werden kann – ein wichtiges Tool, das nicht nur im Mercedes me Store zum Einsatz kommt, wie unser Link der Woche zeigt. Im Manager Magazin erläutert Thomas Geiger den Siegeszug der Konfiguratoren über die früher üblichen Kataloge. Die Ansätze sind dabei unterschiedlich: Während Volvo oder Land Rover die Konfiguration „mit VR-Brillen in die dritte Dimension“ holten, habe man bei Mercedes den Entscheidungsprozess überdacht. Motoren, Maße und Modelle würden weitgehend ausgeblendet. „Stattdessen lassen sich dort wie auf einem Dating-Portal Vorlieben aus 19 Themenbereichen von der Musik bis zur Kulinarik eingeben, woraus der Server den idealen Auto-Partner ermittelt - die passenden Ausstattungspakete inklusive.“ Je luxuriöser die Marken, desto ausgefallener sind dabei die Konzepte. Jaguar und Land Rover hätten etwa eine sogenannte Comissioning Suite eingerichtet. Dort könne man bei Sterneküche und Champagner den Wagen bis hin zu den Nahtmustern auf den Lederpolstern zusammenstellen – eine Art Deluxe-Variante des Mercedes me Stores also.

Vom Auto lernen

Manch ein GOOSsip-Leser mag sich fragen, was das mit der Küchenmöbel-Branche zu tun hat. Doch die Parallelen sind offensichtlich: Immer wieder wird dem klassischen Küchenstudio prognostiziert, dass es dem Weg des Tante-Emma-Ladens folgen würde. Dass es also verschwinden würde, verdrängt vom allmächtigen Internet mit seinen 24/7-Verfügbarkeit, seiner konzentrierten Marktmacht. Der Küchenhandel hält dagegen. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein kompliziertes, beratungsintensives, individuelles Produkt wie eine Einbauküche rein übers Internet verkauft werden kann. Und Haptik und ein Gefühl für Materialien und Farben könnte das Internet sowieso nicht vermitteln. Trotzdem: Dass Küchenstudios nicht warten sollten, bis zum Beispiel Amazon in den Markt einsteigt, sondern dass sie aktiv die Möglichkeiten aufgreifen sollten, die die Informationstechnologie bietet, ist ein Garant dafür, dass die Küchenexperten von heute auch morgen noch im Markt aktiv sind. Dass Showrooms bzw. Storekonzepte wie der Mercedes me Store als Vorbild für die Küchenbranche dienen können, liegt dabei auf der Hand. Die Digitalisierung hat eh schon lange Einzug in die Branche gehalten: Auf der area30 zeigte zum Beispiel KüchenTreff eine überarbeitete Version des "Magic Table". Eines Verkaufstischs, der die digitale Welt an den POS holt – und so das Internet mit seinen eigenen Waffen schlägt. Er verbindet nämlich die Tugenden des stationären Handels mit den Vorzügen der Online-Welt – und lädt dazu ein, die bestehenden Store-Konzepte zu überdenken. Es müssen nicht mehr 25 Musterküchen gezeigt werden, Küchenstudios können Raum sparen und die so geschaffenen finanziellen Spielräume etwa für zentralere Lagen einsetzen. Trotzdem kann der Kunde Muster ansehen und vor allem: anfassen. Wie es ansonsten weitergeht mit den Themen Digitalisierung und Küche ist Thema eines Veranstaltungstipps aus GOOSsip: Auf dem Digital Interior Day (der genaugenommen noch ein „s“ benötigte. Es sind nämlich 2 Tage.) werden genau diese Fragestellungen auf verschiedenen Workshops, Vorträgen und Paneldiskussionen erörtert. Und vielleicht entstehen dabei ja noch mehr Digital-Impulse in der Branche!

Übrigens: Bei uns hat das Thema Digitalisierung in der A30-Woche zu qualmenden Fingern und überhitzten Festplatten geführt. Mit über 60 Posts in den sozialen Medien haben wir unsere Eindrücke festgehalten. Auf Facebook und Instagram schilderten wir die neuesten Trends und spannendsten Entdeckungen – und wir werden die wichtigsten Punkte für alle, die am Ball bleiben wollen, in einem Trendreport zusammenfassen.

Wir kühlen uns jetzt die Fingerkuppen und werden die Ergebnisse in Ruhe aus – und wünschen auch Ihnen etwas Erholung von der anstrengenden Messewoche!

Ihr Team von GOOS COMMUNICATION