KW 40: Die fünf Sinne - sinnlich, sinnlos, übersinnlich?

Unser Wirtschaftsleben wird immer sinnlicher. Es reicht nicht mehr, ein Produkt zu verkaufen, das eine bestimmte Funktion erfüllt. Das Produkt muss eine Story erzählen. Es muss hübsch aussehen. Haptisch überzeugen. Gut riechen. Kurz: Es muss die Sinne ansprechen. Ob diese neue Über-Sinnlichkeit eine sinnvolle Verfeinerung der Warenwelt ist, darf diskutiert werden. Dass kein Unternehmen ohne sie erfolgreich sein kann, ist wiederum eine Tatsache.

Fotografiert im Eingansbereich des Peacetanbul

5 Sinne identifizierte der alte Aristoteles in seinem Werk „De Anima“ bei den Menschen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Im 19. Jahrhundert entdeckte die Wissenschaft noch den Gleichgewichtssinn und im 20. Jahrhundert erfand der Anthroposoph Rudolf Steiner noch ein paar mehr. Zum Beispiel den Ichsinn. Für unseren heutigen Blogbeitrag interessieren uns aber in erster Linie die klassischen fünf. Die neue Sinnlichkeit bezieht sich nicht allein auf die „Erfahrung der Umwelt“, wie es die klassische Funktion der Sinne wäre – sie ist ein Instrument für Unternehmen ihre Produkte von den Konkurrenzprodukten abzusetzen und den Kunden anders anzusprechen, als es früher üblich war. Wer heute ein Auto kauft, kauft ja nicht bloß ein Ding, mit dem er sich von A nach B bewegen kann. Er kauft ein hoch entwickeltes Produkt, bei dem vom Geruch über das Geräusch der Türen jedes Detail geplant ist. Diese Ansprache aller Sinne betrifft auch die Küche und sie ist auch ein großes Thema für Pressearbeit und Journalismus.

Da das Internet noch nicht riecht, ist der erste Link eher für die Hersteller von physischen Produkten interessant. Hanns Hatt beantwortet in Spektrum der Wissenschaft die Frage, welche Gerüche wir warum als unangenehm empfinden. Es sei etwa paradox, dass sich mehr Menschen vom Geruch von Schweißfüßen abgestoßen fühlten als vom Aroma eines Spezialkäses namens Harzer Roller. In beiden Gerüchen sei schließlich die hohe Konzentration der so genannten Isovaleriansäure für „den charakteristischen ‚Leitduft‘ verantwortlich.“ Fazit des Artikels: Solange die Konzentration von bestimmten Duftstoffen nicht so hoch ist, dass sie unseren Warn- und Schmerznerv stimuliert, ist die Wahrnehmung von Gerüchen von Kontext, Situation und Erziehung abhängig. Den Neuwagen als Harzer Roller zu parfümieren, könnte die Autoindustrie allerdings trotzdem in die nächste große Krise führen.

Das Auge kauft mit

Während der Geruch und der Tastsinn für Fahrzeuge aber auch Möbel, Kleidung und vieles andere immer wichtiger werden, ist es in den Online-Medien die visuelle Wahrnehmung, die ausdifferenzierter wird. IKEA zum Beispiel hat gerade eine App auf den Markt gebracht, mit der man die Produkte des schwedischen Giganten in der eigenen Wohnung platzieren kann. In 3D und in den originalen Größenverhältnissen. Dieses Pokemon Go für den modernen Möbelkäufer erspart so manche Enttäuschung nach dem Möbelkauf. Vielleicht findet sich ja irgendwann ein App-Entwickler, der diese Idee unternehmensübergreifend umsetzt. Das wäre wirklich nützlich.

Visuelle Stimulationen helfen nicht nur dem Möbelhandel, seine Produkte an den Kunden zu bringen. Sie sind auch ein essentielles Instrument der Online-Kommunikation. Das zeigten gleich zwei Artikel der letzten Woche. Im Pressesprecher erzählt Lena Johanna Schmitt wie die Strategie für den Aufbau einer erfolgreichen Video-Kommunikation aussehen kann. Schnell wird klar: Eine Video-Strategie sieht nicht viel anders aus als andere Kommunikationsstrategien. Man muss seine Zielgruppe kennen und bedienen. Man muss ausprobieren, authentisch sein und kann auch mit geringem Budget Inhalte spannend umsetzen, wenn Begeisterung im Spiel ist. Interessant ist ein Punkt, den man in einem Medium wie dem Internet, in dem alles immer abrufbar ist, nicht unbedingt erwarten würde: „Schaffe Strukturen“ fordert Lena Johanna Schmitt. Diese würden dabei helfen, den Kunden an das Angebot zu gewöhnen: „Das kann zum Beispiel sein, dass Sie jede Woche ein Video veröffentlichen oder dafür immer einen bestimmten Wochentag nutzen.“ Bewegtbilder sind schon längst ein wichtiger Teil von Online-Storytelling – und wie man im Internet Geschichten erzählt, die den Betrachter in ihren Bann ziehen, erläutert Johannes Wilwerding, der wiederum Bezug nimmt auf die Adobe Visual Trends „Digitales Storytelling“. Auch dieser Link bietet wichtige Anregungen für Unternehmen oder auch Medienschaffende, die mit ihrer Arbeit die Sinne ansprechen wollen.

Übrigens: Im gleichen Maße, in dem es sich die Sinnlichkeit in der Wirtschaftssphäre gemütlich macht, wird freilich das Privatleben steriler – das zumindest könnte man denken, wenn man diesen Artikel aus der NZZ gelesen hat. Es geht um die gesellschaftliche Entwicklung in Japan – dort findet sich Verfeinerung auf allen Ebenen, der Mensch aber bleibt immer mehr mit sich allein. Und dafür muss das Auto noch nicht mal nach Harzer Roller riechen.

Wir wünschen Ihnen eine sinnliche und sinnvolle Woche!
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION