KW 45: Von künstlichen Paradiesen und irdischen Verfehlungen

#Metoo, Jamaika-Verhandlungen, Trump in Asien, Twitter verdoppelt die Zeichenzahl – wie jede Woche waren Zeitungen und Internet in der letzten Woche voll von mehr oder weniger wichtigen News. Eine jedoch sollte uns nachhaltig beunruhigen: die von den Paradise Papers, die deutlich macht, wie und in welchem Ausmaß Großkonzerne und Milliardäre Steuerzahlungen vermeiden …

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Es ist kein uninteressanter Zeitvertreib, sich darüber Gedanken zu machen, welche Rolle die Idee des Paradieses bei der Festigung von Machtverhältnissen spielt. Religionen nutzten (und nutzen) das Paradies als Belohnung für treuen Glauben, als eine Art Wiedergutmachung für eventuell ungemütliche Umstände zu Lebzeiten. Diese religiöse Bedeutung kam allerdings erst später: In seinem wörtlichen Ursprung bezeichnet das Paradies erstmal nur einen ganz irdischen Garten oder Park – und ist damit nicht weit entfernt von der alltäglichen Verwendung des Wortes. Paradies, das ist der besonders schöne Strand, den wir beim letzten Bali-Urlaub entdeckt haben. Oder das exquisite 3-Gänge-Menü im französischen Restaurant. Alles, was uns die Plackerei und Unzulänglichkeit des Lebens für eine Zeit vergessen lässt. Soviel zu den Paradiesen des Normalbürgers. Die Paradiese der internationalen Konzerne und Milliardäre sehen ganz anders aus – sie haben nämlich nichts damit zu tun, dass es Konzern-Mitarbeitern oder Milliardären gut geht; sie sind einzig und allein dafür da, Geld zu sichern. Und zwar vor der lästigen Bedrohung, die sich Steuer nennt. Am Montag verlinkten wir die ganz grandiose Projekte-Seite der Süddeutschen, die sich nach den Panama-Papers jetzt die Paradise Papers vornimmt. Wie auch bei den Panama-Papers sind die Basis geleakte Dokumente. In diesem Fall von der Anwaltskanzelei Appleby. „Appleby ist einer der Marktführer für Offshore-Geschäfte. 100 Millionen Dollar Jahresumsatz, 470 Mitarbeiter, Büros in nahezu allen wichtigen Steueroasen. Gegründet wurde Appleby in Hamilton, der Hauptstadt der Bermudas. Dort residiert die Kanzlei heute in einem schmucklosen Bau. Doch die Liste der Kunden ist erlesen.“ So beginnt eine Reportage mit Sprengkraft. Es geht darum, mit welchen Tricks Superreiche und Großkonzerne Steuern vermeiden und die (meist legalen) Möglichkeiten nutzen, um ihre Gewinne in noch höhere Höhen zu schrauben. In der Auswertung, die das Journalistenteam vorgenommen hat, kommen einige unfassbare Details zutage. Zum Beispiel: Queen Elisabeth II hat über ein paar Ecken zu Steuersparzwecken in den Rent-to-own-Anbieter Bright House investiert. Bright House verdient sein Geld mit einem Ratenmietkauf-Modell: Briten, die sich den Staubsauger nicht leisten können, können ihn mieten, bis er ihnen eines Tages gehört – und Bright House einen Gewinn von ca. 100 Prozent eingestrichen hat. Die Queen verdient also an denen, die kaum was haben und trotzdem mit ihren Steuerzahlungen den Lebensstil des Königshauses finanzieren.

Zeit sich aufzuregen!

Der eigentliche Skandal liegt dabei vielleicht gar nicht im Einzelfall. Die Queen zum Beispiel wird wahrscheinlich wirklich nicht gewusst haben, in was sie da investiert. Der Skandal ist, wer da alles mitmischt. Dass auch staatliche Institutionen beteiligt sind. Dass die Regierungen es nicht schaffen, diese legalen Schlupflöcher zu schließen. Dass es immer noch Ökonomen gibt, die diese Art der Schattenwirtschaft verteidigen. Wen wundert‘s da noch, wenn das Vertrauen in die Politik schwindet und das demokratische Verständnis erodiert?

Beteiligt an dem großen Spiel sind natürlich auch Unternehmen, bei denen wir gerne unsere Lifestyle-Bedürfnisse befriedigen. Apple zum Beispiel oder Amazon. Letztere tauchten in der letzten Woche in den Medien auf, weil sie ihren Aktionsradius ausweiten wollen: Amazon will eigene Sportbekleidungsmarken und eine Möbelkollektion in den Handel bringen. Bücher, Platten, Filme, frische Lebensmittel, Spielzeug und jetzt noch Möbel und Turnschuhe – man bekommt mittlerweile alles beim Riesen aus Amerika. Die Frage ist nur, ob man das auch will: Wir kaufen bei einem Unternehmen, weil es dort günstiger ist als bei der Konkurrenz. Es ist dort aber nur günstiger, weil das Unternehmen dem Gemeinwesen (uns!) Geld entzieht. Das ist wohl der normale Irrsinn einer globalisierten Welt. Wir brauchen ihn aber nicht zu akzeptieren. Im Gegenteil: Wir können kaufen, wo wir wollen. Ein Buch gibt’s auch beim Buchhändler um die Ecke. Und der zahlt seine Steuern – genau wie wir.

Wir wünschen Ihnen eine ehrliche Woche
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION