KW 48: Hat ein „Dauerfeuer an Erwartungen“ Alno auf dem Gewissen?

Seit kurzem ist es amtlich: Bei Alno ist Feierabend. Alle Wiederbelebungsversuche sind gescheitert. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte geht ohne Happy-End in den Abspann. Über die Frage, wer daran die Schuld trägt, wird sicherlich noch lange gestritten werden. Eine spannende Perspektive nehmen die Stuttgarter Nachrichten ein. Mehr dazu in unserem Wochenrückblick.

Ja, schon wieder Alno. Und versprochen: In diesem Jahr werden Sie in unserem Blog nichts mehr über die Tragödie von Pfullendorf lesen. Es ist ja auch fast alles gesagt… Aber eben nur fast: Wenig überraschend wurde letzte Woche gemeldet, dass die Pleite von Alno nicht nur die Zivilgerichte beschäftigt, sondern dass auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren prüft. Im Visier der Ermittler stünden die Alno AG und mehrere Tochtergesellschaften, die sich einer möglichen Insolvenzverschleppung strafbar gemacht haben könnten. Als längst klar war, dass es nicht mehr weitergehen könne, habe sich der Großaktionär Tahoe Investors „zulasten der übrigen Gläubiger bereichert“ – so lautet der Verdacht, mit dem Staatsanwalt Jan Holzner im HartDran-Artikel zitiert wird: „Von Anwaltskosten und Zinszahlungen ist da die Rede, die dem Investor verbundenen Firmen zu einem Zeitpunkt genehmigt worden seien, als Rechnungen anderer Gläubiger nicht mehr beglichen wurden.“ Dass auf dem Spielbrett zuletzt auch noch 670 Mitarbeiter standen, die jetzt vor dem Nichts stehen, macht die eigentliche Tragödie aus. Bis Ende des Jahres will die Staatsanwaltschaft entschieden haben, ob ein Verfahren eingeleitet wird. Und dann wird vielleicht noch geklärt werden, was den Niedergang des Traditionsunternehmens verursacht haben könnte.

Eine interessante Perspektive nimmt hier Nikolai B. Forstbauer von den Stuttgarter Nachrichten ein. In seinem Kommentar geht es weniger um den Kampf Alt- gegen Neu-Management. Vielmehr geht es darum „Was wir mit Alno zu tun haben“. Für Forstbauer spiegelt die spektakuläre Pleite ein Stück Kulturgeschichte: „Die Produkte stehen für obere Mittelklasse. Gibt es aber jenen oberen Mittelstand noch, den das Unternehmen als Käufergruppe unterstellt? Längst zeigt ja das wirtschaftliche Auseinanderfallen der Gesellschaft auch hier Wirkung.“ Für Forstbauer hat Alno einen wichtigen Schritt verpasst: sich klar zu positionieren. Ein erfolgreiches Unternehmen müsse neben zeitgemäßen Produkten und dem Eintritt in die digitale Welt auch seine eigene Geschichte pflegen, „mit historischer Rückversicherung, mit Produkten und ihren Geschichten“. Nur so sei der Spagat zwischen der Widersprüchlichkeit der heutigen Kunden zu schaffen. Ein Spagat zwischen Ultramoderne (dem „Dauerfeuer an Erwartungen einer immer feineren Produktdifferenzierung“, der Industrie 4.0, der Digitalisierung) und Romantik (der Sehnsucht nach Entschleunigung, dem wiedererstarkten Interesse an Handwerk). Für ihn ist Alno vor allem an letzterem gescheitert, „an unserer Erwartung, Produktentwicklung als Teil identitätsstiftender Kulturgeschichte erleben zu können“.

Vom Altar des Individualismus zur Kirche der KI

Man könnte das alles sicherlich auch etwas simpler formulieren. Vielleicht so: Alno hat es nicht geschafft, seine Marke zeitgemäß zu modernisieren. Und Marke, das wissen wir, wird immer wichtiger, weil sie etwas transportiert, was über das Produkt hinausgeht. Zum Beispiel das Gefühl der eigenen Individualität, die in unserer Gesellschaft eine quasi-religiöse Position einnimmt. Derweil wir noch uns selbst anbeten, ist man im Silicon Valley schon wieder einen Schritt weiter. Dort wurde gerade die erste Kirche zur Anbetung künstlicher Intelligenz gegründet. Dahinter steckt die Idee der „technologischen Singularität“: Wenn nach „Moores Law“ die „Rechenleistung unserer Computer exponentiell steigt, dann auch die Fähigkeiten künstlicher Intelligenzen, die auf diesen Computern laufen. Exponentiell heißt, dass es irgendwann zu einer Intelligenz-Explosion kommen muss.“ Und dann, so glauben zumindest die Kirchengründer, würden dem Menschen alle Probleme und Sorgen abgenommen. Wir könnten „unseren Geist auf einen Computer übertragen und in diesem quasi ewig weiterleben“. Per „Brain-Upload“ nämlich. Fortan wären wir in einer paradiesischen Computersimulation. Individualität wäre kein Thema mehr. Küchenherstellerpleiten schon gar nicht. Wäre das nicht schön? 

Wir wünschen Ihnen einen erleuchteten Start in die Woche!
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION