KW 5: Überwachen und Werben

In der Menschheitsgeschichte ist das Leben mit dem Internet ein junges Kapitel. Ein sehr junges sogar! Dass bestimmte Themen immer wieder aufs Tableau kommen, ist da unvermeidbar. Zum Beispiel das diffizile Verhältnis zwischen Überwachen und Werben, Datenschutz und persönlichem Angebot, Manipulation und Komfort …

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Die Älteren unter uns werden sich erinnern. In den grauen Tagen, als Telefone an Kabeln hingen und Twix noch Raider hieß, gab es in der Bundesrepublik Deutschland großen Streit um das Persönlichkeitsrecht. Auslöser war die Volkszählung 1987. Das Statistische Bundesamt wollte mal wieder wissen, wie sich die Bevölkerung entwickelt hatte, um gegebenenfalls Infrastrukturmaßnahmen einzuleiten. Das Volk, bzw. ein signifikanter Teil des Volkes, aber wollte nicht mitmachen. Es formierte sich ein breiter Widerstand gegen den Zensus, der mit Boykottaufrufen und Aktionen mobilisierte. Wenn man heute mit dem Abstand von 30 Jahren den Volkszählungsbogen anschaut, versteht man die Aufregung nicht. Bei jedem Online-Einkauf gibt man mehr von sich preis. Was Facebook und Co. von uns wissen, ist ein Klacks gegen das, was der Staat damals (anonymisiert übrigens) von uns wissen wollte. Trotzdem: Die Angst war groß – man befürchtete den „gläsernen Bürger“ und die schleichende Einschränkung von Bürgerrechten. Das Emnid-Institut ermittelte im Dezember 1987, dass an vierter Stelle der Befürchtungen der Bundesbürger die Bedrohung durch Datenmissbrauch lag. Schlimmer waren nur noch Kriegsgefahr, Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung. Diese Hitliste der Angst dürfte heute anders aussehen. Oder zumindest handelt niemand danach. Angesichts dessen, was mit unseren Daten passiert, zucken wir mit den Schultern. Vielleicht auch weil das Thema zu komplex ist und weil nicht jede Datenverarbeitung Böses will? In unserem Link der Woche greift der Wissenschaftsjournalist Philipp Hummel das Thema auf. Sein Artikel für spektrum.de behandelt eine neue Studie, in der untersucht wurde, wie „gut sich die individuellen Facebook-Likes eignen, um Werbeanzeigen auf den Charakter der Nutzer zuzuschneiden“. Wir machen es kurz. Die Antwort lautet: gut. Allerdings mussten die Forscher einen kleinen Umweg gehen. Warum? „Noch lässt sich Werbung auf Facebook nicht gezielt an Nutzer mit bestimmten psychologischen Eigenschaften koppeln. Dazu müsste das Unternehmen flächendeckend die Persönlichkeit seiner Nutzer analysieren und bewerten. Das geschieht – soweit bekannt – im Moment nicht.“ Wenn Facebook das täte, so das Ergebnis der Studie, könnten Unternehmen Werbung schalten, die sich individueller als bisher an den jeweiligen Adressaten richten würde und dementsprechend größere Erfolgsaussichten hätte: „Seit Kurzem entscheidet lernende Software sogar, mit welchem personalisierten Titelbild die Empfehlungen beworben werden. Künftig könnte Software komplette Werbespots für bestimmte Zielgruppen erzeugen. Algorithmen verlegen bereits Videos vom verschneiten Winter in den Hochsommer, Computer können Menschen in derselben Szene unterschiedliche Texte sagen lassen.“

Jeder Schritt im Supermarkt ein Geheimnisverrat

 „Psychologisches Targeting“ lautet das Stichwort. Das Problem, das Philipp Hummel und mit ihm viele Datenschützer und Netzaktivisten sehen, ist die Gefahr der Manipulation, die Gefahr der „(…) gezielten Ausnutzung psychischer Schwächen. Zum Beispiel könnten Menschen, die zu Spielsucht neigen, mit Werbung für Onlinekasinos angesteuert oder bestimmte Personengruppen mit politischen Kampagnen vom Wählen abgehalten werden.“ Auf der positiven Seite für Wirtschaft und Werbetreibende und auch den einzelnen Bürger ist es natürlich komfortabel, wenn Konsumenten Angebote von Waren und Dienstleistungen bekommen, die sie interessieren.

„Gläserne Menschen“ sind wir längst. Aber wir sind es nicht geworden, weil der Staat 1987 anonymisiert von uns wissen wollte, welche Konfessionszugehörigkeit wir haben. Wir sind es geworden, weil wir unsere Privatsphäre freiwillig den diversen Vorteilen der Online-Welt geopfert haben. Der Kampf gegen gezielte Werbung ist daher ein Stellvertreterkrieg. Denn diese wollen die meisten Menschen, genauso wie sie Facebook nutzen, bei Amazon einkaufen oder per WhatsApp kommunizieren wollen. Es sollte also darum gehen, die Möglichkeiten, die sich aus unserer gläsernen Datenpersönlichkeit ergeben, in ungefährliche Bahnen zu lenken. Per Gesetz und auch per Konsumentenverhalten. Dass das nicht einfach wird, zeigt ein weiterer Link der letzten Woche: wohninsider.at meldete, dass das US-Start-up Scanalytics einen smarten Fußbodensensor entwickelt hat. Mit ihm kann zum Beispiel der Einzelhandel analysieren, wie sich die Kunden in ihrem Geschäft bewegt haben – und danach das Angebot optimieren. Wenn Sie also beim nächsten Supermarktbesuch nur noch Waren finden, die genau ihren Wünschen entsprechen und Ihnen hinterher am heimischen Rechner die gleichen Waren noch einmal als Werbeeinblendung in Ihrem Newsfeed vorgeschlagen werden – greifen Sie einfach zu. Ist schließlich alles extra für Sie gemacht!

Wir hoffen, dieser ganz nach Ihren Interessen geschriebene Blogbeitrag hat Ihnen gefallen und wünschen einen guten Wochenstart!
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION