KW 6: Leben und Gestalten in „zerfledderter Post-Post-Pluralität“

Der Mensch braucht Schubladen. Er will wissen, was modern ist, was seine Zeitgenossen anziehen, wie sie sich einrichten, welche Netflix-Serien sie gerade gucken. Schubladen helfen dabei. Sie sind der Versuch einen Kanon zu definieren. Doch in unserer zerfledderten „Post-Post-Pluralität“ wird es immer schwieriger, Übereinstimmungen zu finden…

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„Zerfledderte Post-Post-Pluralität“. Mit diesem schönen Begriff beschreibt Sara Krüger nicht etwa die Unzulänglichkeiten im Briefzustellungswesen, nein, sie meint die Design-Epoche, in der wir leben. Biedermeier, Jugendstil, Bauhaus – es ist gar nicht so lange her, da konnte man anhand von ein paar Attributen den Zeitgeist beschreiben. Seit die Postmoderne ausgerufen wurde, ist das schwieriger. Und wie sieht es im Zeitalter der Post-Post-Pluralität aus? Ein wesentliches Kennzeichen unserer Zeit ist die Zersplitterung. Die Zielgruppen werden kleiner, die Interessen fragmentierter. Bei Andy Warhol und Marshall McLuhan hieß es noch: „In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein.“ In den 1990ern aktualisierte der schottische Künstler und Musiker Momus diesen Aphorismus: „In the future everyone will be famous for fifteen people“. In der Zukunft wird jeder für 15 Menschen berühmt sein. In dieser Zukunft leben wir längst. Design, Musik, Kunst, Film – die Zeit des großen Konsens‘ ist vorbei. Jedes Interesse, jeder Geschmack kann in jedem Moment bedient werden. Trotzdem sind Zeitschriften und Magazine voll von Trendberichten. Vielleicht, weil der Mensch gerade in Zeiten größtmöglicher Freiheit und unendlicher Möglichkeiten Orientierung braucht? Schubladen, die er aufmachen kann und weiß, dass das, was er rauszieht, irgendwie irgendeinem Kanon entspricht?

In gleich vier Artikeln ging es in den GOOSsips der letzten Woche um solche Trendschubladen. Die eingangs zitierte Sara Krüger widmete sich in Iconist der Frage: „Was ist denn nun typisch deutsches Design?“ Anlass für den kurzen Artikel ist die Installation „Deutsch, was ist das?“, die Chris Glass in Berlin eingerichtet hat. Glass ist ein Amerikaner, den es über München nach Berlin verschlagen hat, und der dort mit dem Blick des Außenstehenden aktuelles deutsches Design kanonisiert. Und was ist nun typisch deutsch? „Längst nicht mehr bloß schlicht, funktional und rational, betont Chris Glass. Erfindergeist, Experimentierfreude, und gar ein Hauch von Humor – all das liegt hierzulande in der Luft. Klar statt hart. Viel Bauhaus? Nein. Eher eine feinsinnige Mischung aus der modern interpretierten „Bierbank“ von MyKilos, einem Doppelbett von Birkenstock – natürlich mit getrennten Bettdecken und Tisch-Skulpturen aus alten Vasen.“

Die typisch deutsche Küche? Weiß mit Granit!

Während Chris Glass eher die Avantgarde und die gehobene Käuferschicht im Blick hat, ist für die meisten Unternehmen die Masse interessant. Und genau die hat die neue Houzz-Küchenstudie im Blick: Im jährlichen Turnus befragt das Online-Portal die Deutschen über ihre Küchenrenovierungspläne. Die Neuigkeiten in diesem Jahr: Es gibt nicht viel Neues. Weiß bleibt die beliebteste Oberflächenfarbe, Granit das bevorzugte Arbeitsflächen-Material. Und um den Nicht-Neuigkeiten die Krone aufzusetzen, öffnet über die Hälfte der Befragten ihre Küche zu angrenzenden Räumen hin, was sie gefühlt seit Anfang des 19. Jahrhunderts tut. Andererseits: Warum müssen Trends immer mit Neuem verbunden sein? Gerade die Öffnung der Küche hat schließlich ganz praktische Gründe, wie der dritte Trendbericht der Woche erläutert. Auf Spiegel-Online schrieb Simone Mayer über moderne Raumkonzepte. Der sprechende Titel des Beitrags: „Offen für alles“. Während sich der Wohnbereich als „Entertainmentzentrale“ mehr und mehr auflöse (weil jedes Familienmitglied mit seinem jeweiligen Endgerät in irgendeiner Ecke mit der jeweils präferierten Netflix-Serie rumlümmelt), bleibe die Küche „das Herz des Zuhauses“. „Der Esstisch ist der Mittelpunkt des Familienlebens. Hier wird gegessen. Hier gibt es Krisengespräche, und die Urlaubsplanung wird gemacht. Hier schlagen auch viele ihr Homeoffice auf, wenn sie nach Feierabend doch noch ein paar Aufgaben erledigen müssen. Aber hier breiten sich vor allem die Kinder aus. Hier wird gelernt, gebastelt und gespielt.“ Bei aller Atomisierung und Fragmentierung gibt es also doch einen Kanon: Er heißt Küche!

Wir hoffen, dass sie darin mit uns einer Meinung sind und wünschen einen guten Wochenstart!
Ihr Team von GOOS COMMUNICATION

P.S.: Die aufmerksamen Leser werden es bemerkt haben: Das waren erst drei Trend-Artikel. Wie die deutschen Senioren leben wollen, wurde noch nicht erläutert. Und ehrlich gesagt: Wir wissen es auch nicht. Noch nicht! Antworten wird es aber in Kürze geben: Und zwar beim 7. Tag der Wohnungswirtschaft im Rahmen der Messe Altenpflege am 7. März 2018 in Hannover, wo verschiedene Experten erläutern, wie die Wohnerwartungen der Generation 65 plus mit den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht werden können.