REHAU Kantensymposium 2019

Kantenbandfertigung 4.0: Digitalisierung erreicht die Möbelkante

Das diesjährige Kantensymposium von REHAU fand in den Räumen der HOMAG AG in Schopfloch statt. Foto:  Copyright by HOMAG

Das diesjährige Kantensymposium von REHAU fand in den Räumen der HOMAG AG in Schopfloch statt. Foto: Copyright by HOMAG

#edge is digital – unter diesem Motto stand das traditionelle Kantensymposium, das seit 28 Jahren ein fester Bestandteil in den Terminkalendern der Branche ist. Anwender und Industriekunden trafen sich in diesem Jahr turnusgemäß in den Räumen der HOMAG AG in Schopfloch. Wie jedes Jahr boten die Veranstalter REHAU und HOMAG einen tiefen Einblick in die technischen Neuerungen, Marktentwicklungen und Designtrends, die für das „Kantenjahr“ wichtig werden – und lockten mit hochkarätigen Themen und Referenten zahlreiche Branchenexperten und Journalisten in den Schwarzwald.

v.l.n.r. Frieder Schuler, Director Technical Sales / HOMAG-Systems; Dr. Uwe Krämer, Leiter des REHAU Competence Centers  Edgeband / REHAU AG + Co. Foto:  Copyright by HOMAG

v.l.n.r. Frieder Schuler, Director Technical Sales / HOMAG-Systems; Dr. Uwe Krämer, Leiter des REHAU Competence Centers
Edgeband / REHAU AG + Co. Foto: Copyright by HOMAG

Wie es bewährte Tradition ist, teilte sich auch das 28. Kantensymposium in zwei Abschnitte. Der erste Teil war der Praxis gewidmet. An sechs Stationen wurden anwenderbezogene Themen vorgestellt. Das Thema Digitalisierung stand auf der Tagesordnung ganz oben. REHAU mit digitalen Informationen auf der Kante, Leuco mit digitalen Informationen auf dem Werkzeug und Homag als Verarbeiter der digitalen Informationen auf der Maschine – die Partnerfirma tapio bietet die Infrastruktur, um die digitalen Informationen zu verwalten. Weiterhin wurde das tapio Service Board gezeigt, mit dessen Hilfe dem Kunden ein Online-Support via Video ermöglicht wird. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Verarbeitung: RAUVISIO crystal, RAUKANTEX pro OMR – die Laser-Lösung für die feuchtebeständige Bekantung von Küchenbauteilen und Dekorkanten mit Reliefs, die Wellenkante oder Bekantungen der Türfalz wurden live an den Maschinen gezeigt. Dabei umspannte die digitale Prozesskette viele Stationen und zeigte Wege für die industrielle Möbelfertigung auf.

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden die Praxisthemen in der Theorie vertieft. Das Fachpublikum hatte jederzeit die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder Einzelgespräche mit den Referenten zu führen. Vier Expertenbeiträge standen auf der Tagesordnung. Den Anfang machte Referent Markus Kostenbader, Product Manager Edge Processing bei HOMAG. Er stellte die Neuheiten in der Maschinenentwicklung vor. Schwerpunkt waren die technischen Neuerungen in der Radienfräsung mit einer neuen Möglichkeit des Formfräsens, die stufenlos einstellbare Nutbearbeitung ab Losgröße 1 sowie der Status zur Maschinengeneration in der Laserverarbeitung. „Wir haben alles in die neue Maschinengeneration integriert, was sich der Markt gewünscht hat“, so Markus Kostenbader.

Einen breiten Einblick in die Kantenwelt von REHAU gab im Anschluss Matthias Hacker, Projektleiter und Senior Engineer für die Division Edgeband bei REHAU. Sein zentrales Thema war die Digitalisierung über die gesamte Prozesskette hinweg, ganz im Sinne #edge is digital: Wie lassen sich Bestandsverwaltung, Fertigungsprozesse, Stammdatenanlagen optimieren? Wo lassen sich die Fertigungsdaten abgreifen und Maschinenparameter optimieren? Wie erfolgt die Bestandspflege von Restmengen? Mit der „digitalen Kante“ wird die Fertigung transparenter, schneller und weniger fehleranfällig. Die Stamm- und/oder Instanzdaten auf der Kantenrolle können über eine cloud-basierte Datenübermittlung oder über „data on tag“ (mittels Barcode, 2D-Code, RFID) erfasst werden. In drei verschiedenen Ausbaustufen lassen sich die Stamm- und/oder Instanzdaten einlesen, verarbeiten und dokumentieren. „Damit ist ein großer Schritt in Sachen Prozesssteuerung und Qualitätsmanagement getan, der richtungsweisend für Industrie 4.0 in der industriellen Möbelfertigung ist“, sagte Matthias Hacker.

Besucher des Kantensymposiums inspizieren die Produkte. Foto:  Copyright by HOMAG

Besucher des Kantensymposiums inspizieren die Produkte. Foto: Copyright by HOMAG

Natürlich ergäben sich auch konsumentenseitig technologiegetriebene Trends, wie Matthias Hacker erläuterte: Von High Tech zu Shy Tech gehe die Entwicklung – die Technik, die uns umgibt, nehme sich mehr und mehr zurück, werde intuitiver und sei nur noch wahrnehmbar, wenn sie benötigt würde. Solche „smarten“ Zusatzfunktionen könne man nahtlos und unsichtbar in die Oberflächen integrieren und damit eine völlig neue Dimension in der Verbindung von Ästhetik und Funktion erschließen. Hierzu gibt es bei REHAU bereits heute einige interessante Ansätze wie Lichtintegration, berührungssensitive Oberflächen und Wireless Charging. Über das „Smart Backend“, eine REHAU-Komplettlösung für ein visionäres Fahrzeugheck, wurden Synergien für die Möbelindustrie hergestellt, zum Beispiel in Sachen Lichtdesign oder Funktionsflächen.

Neben technologiegetriebenen Trends und der Digitalisierung in der Produktion, die
später von einem Vertreter von tapio erneut aufgegriffen wurde, ging es bei Matthias
Hacker um die vielen neuen Trends und Entwicklungen, die das Thema Kante nie langweilig werden lassen: International sei etwa ein deutlicher Umsatzzuwachs bei der
Laserkante RAUKANTEX pro zu verzeichnen. Basierend auf der klassischen Laserkante wurde wiederum eine komplett neue Produktlinie entwickelt: Türbekantung mit Laserkanten. Seit Frühjahr 2019 hat die erste Serienanlage zur Bekantung der Türfalz mit Laser-Technologie bei einem Pilotkunden die Produktion aufgenommen.

Für Küche und Bad wurde das Kantenportfolio der Laserkanten RAUKANTEX pro bereits im vergangenen Jahr um die Funktionsschicht OMR erweitert. Sie ist speziell für die Verarbeitung von dünnen oder spröden Deckschichten entwickelt worden – und ist mit ihrer optimierten Feuchtebeständigkeit die erste Wahl in besonders anspruchsvollen Raumsituationen. Hinsichtlich des Designs müssen keine Abstriche gemacht werden. In Sachen Designtrends bewegt sich der Markt in Richtung Stein, Keramik, Metall oder Textil.

Nach diesem Ausflug in die Welt des Designs ging es mit LEUCO zurück zur Digitalisierung im Werkzeugbereich. Für den Werkzeughersteller war Produktmanager Paul Götz in den Schwarzwald gereist. In seinem Beitrag ging es um den „digitalen Zwilling des Werkzeugs“, also „die Leistungen jenseits des Kernprodukts“. Von Abrechnungsmodellen, der Instandsetzung der Werkzeuge, der technischen Beratung oder der neuen LEUCO-Tool-Cloud reichte das Spektrum seiner Ausführungen.

Im Anschluss leitete Dr. Uwe Krämer, Gastgeber des Kantensymposiums und Leiter des REHAU Competence Centers Kantentechnik, über auf die gemeinsame Plattform für alle Möbelzulieferer: das Netzwerk von tapio. Julian Spöcker, Head of Sales bei tapio, begeisterte die Zuschauer mit tapio‘s Vision von der digitalen Zusammenarbeit in der Holzbranche und damit auch in der Möbelfertigung. „Es wird immer physische Bestandteile geben, das Möbelstück mit seinen Komponenten, die Maschine, das Werkzeug. tapio sieht einen wesentlichen Kundenvorteil, wenn keine ‚Silolösungen je Hersteller‘ entstehen, sondern gemeinsam nutzbare Lösungen.“

„Dafür schaffen wir grundlegende Services für die gesamte Branche. Hersteller können sich so mit ihrem Know-how auf neue digitale Lösungen konzentrieren, ohne sich zu einem Technologieanbieter entwickeln zu müssen“, so Julian Spöker. In Echtzeit sollen Daten für Logistik, Fertigung, Maschineneinstellung etc. bereitgestellt und in verschiedenen Anwendungen geregelt genutzt werden können. Es gibt bereits erste Produkte wie eine Online-Hilfestellung per Videocall bei Fertigungsproblemen, das ServiceBoard. Partner wie REHAU können sich dort integrieren und der Möbelhersteller nutzt eine App, um mit mehreren Partnern Servicefälle zu lösen. 32 Partner sind bereits an Bord, um die Potenziale im Sinne von Industrie 4.0 auszuschöpfen.

Nach so profundem Input zum Thema Digitalisierung wurde es im Anschluss Zeit für einen weiteren traditionellen Programmpunkt: Beim abschließenden „Kantenschmaus“ wurde noch bis in die Abendstunden über das Gehörte diskutiert.