GOOS COMMUNICATION Trendreport: interzum 2017

Analyse, Text 

„Alles neu macht der Mai“ dichtete Hermann Adam von Kamp 1826. Auch wenn der Schriftsteller damit den Frühling besang, bezeichnet die Textzeile ganz gut die interzum, die vom 16. bis 19. Mai 2017 rund 69.000 Besucher aus 152 Ländern nach Köln zog. „Auf der interzum werden die Trends gesetzt, die dann im nächsten Jahr auf der imm cologne oder der Orgatec zum Tragen kommen.“ So beschreibt Arne Petersen von der Koelnmesse die Bedeutung der interzum. Alles neu also? Alles nicht, doch es gab in diesem Jahr einige spannende Entwicklungen, die wir in unserem Trendreport für Sie zusammengefasst haben.

Individualität

 Individualität für Naturfreunde: Organoid Technologies arbeitet mit natürlichen Materialien, hier mit Kornblumen, Rosenblüten und Moos auf antikem Holz.

Individualität für Naturfreunde: Organoid Technologies arbeitet mit natürlichen Materialien, hier mit Kornblumen, Rosenblüten und Moos auf antikem Holz.

Nicht neu, aber verfeinert. Der Trend zur individuellen Gestaltung von Interieur war allgegenwärtig auf der interzum. Nicht nur bei den Unternehmen – auch die Koelnmesse widmete eine ihrer Sonderausstellungen dem Thema. Unter dem Titel „Individuality“ zeigte man im Bereich Materials & Nature die ganze Vielfalt der Oberflächenmaterialien. 260 unterschiedliche Oberflächen – von Moos-bewachsen bis hin zu schimmerndem Aluminium. Auf einer Eventbühne wurden interessante Vorträge zum Thema gehalten: Katrin De Louw von Trendfilter, die diese Sonderausstellung kuratierte, stellte zum Beispiel verschiedene Studentenprojekte vor. Studierende der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur haben eine Matrix entwickelt, die Aussagen darüber trifft, wie Farben von bestimmten Gruppen empfunden werden. Durchaus nützlich für Möbelhersteller: So können bestimmte Kollektionen gleich zielgerichtet in bestimmten Farben angeboten werden. Apropos Farben und Oberflächen: Wer sich hier eindeutige Trends erhofft hat, muss leider enttäuscht werden. Individualität heißt Vielfalt – und von der gab es mehr als genug auf der interzum. So viel, dass sogar die Trendexpertin Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) gegenüber der dpa kapitulieren musste: Es sei „inzwischen schwerer, die großen Trends bei Farbe oder Material herauszufinden“.

Mobilität

 Sieht schlicht aus, ist doppelt nützlich: In diesem Beton von Magment sind magnetische Partikel recycelt. So können zum Beispiel Elektroautos während der Fahrt aufgeladen werden.

Sieht schlicht aus, ist doppelt nützlich: In diesem Beton von Magment sind magnetische Partikel recycelt. So können zum Beispiel Elektroautos während der Fahrt aufgeladen werden.

Einigermaßen gut versteckt, am Rand des Untergeschosses in Halle 10, wartete eine überraschende Sonderausstellung auf den Besucher. „Mobility“ eröffnete den Zulieferern für die Möbel- und Einrichtungsbranche ein neues Geschäftsfeld: Mobile Anwendungen. Der Trend materialisierte sich auf der interzum in unterschiedlichsten Fahrzeugen. Ein luxuriöses Wohnmobil war ebenso ausgestellt wie ein Wohnwagen-Anhänger oder auch ein PKW. Bei letzterem zeigte sich, dass die Vielfalt, die die Einrichtungsbranche für Oberflächen entwickelt hat, auch in der Automotive-Branche Einzug hält. Der Kunde kann nicht mehr nur die Farbe wählen, sondern kann seinen Wagen mit unterschiedlichen Materialien individualisieren. Die Nähe des Wohnmobils zur „klassischen“ Inneneinrichtung liegt auf der Hand. Ein voll ausgestattetes Bad, eine Küche, in der auf nichts verzichtet werden muss, ja sogar eine Garage – das ausgestellte Wohnmobil musste sich in Hinblick auf Ausstattung und Komfort nicht vor der immobilen Wohnung verstecken. Der einzige Unterschied ist die reduzierte Fläche. Hier liegt auch die Berechtigung dieser Sonderausstellung auf der interzum: Die direkte Verwendung der Produkte der Zuliefererindustrie in mobilen Fahrzeugen wird ein Nischenmarkt bleiben. Von den Anregungen und Erkenntnissen aber, die hier gewonnen werden, profitiert die Einrichtungsbranche: Sie lernt wie in Zeiten von sinkenden Wohnflächen im urbanen Raum, Wohnwelten geschaffen werden können, die mit wenig Platz auskommen, aber nichts an Funktionalität missen lassen.

Nachhaltigkeit

 Vom Baum gefallen: Für seinen Beleaf Chair nutzt Simon Kern die Laubabfälle der Großstadt. Die Blätter werden in einem speziellen Verfahren so gehärtet, dass man ohne Sorge drauf sitzen kann.

Vom Baum gefallen: Für seinen Beleaf Chair nutzt Simon Kern die Laubabfälle der Großstadt. Die Blätter werden in einem speziellen Verfahren so gehärtet, dass man ohne Sorge drauf sitzen kann.

Der bewusste Umgang mit den Ressourcen ist nicht erst in diesem Jahr ein allgegenwärtiges Thema der Branche. Zertifizierungen für umweltschonende Produktionsprozesse oder Rohstoffgewinnung sind Standards geworden. Mehr und mehr kommt auch der Recyclinggedanke in der Zuliefererindustrie an. Beim Recycling geht es darum, dass Produkte, die am Ende ihres Lebenszyklus’ angelangt sind, so aufbereitet werden, dass ihre Komponenten wieder verwendet werden können. Das sieht man auch bei den Unternehmen – zum Beispiel bei unserem Kunden REHAU, der für seine Terrassendielen RELAZZO coro & calmo recycelte Verschlusskappen von PET-Flaschen verwendet. Auf der Trendfläche „Circular Thinking“ ging es um das Thema Upcycling – also um Beispiele für ein veredeltes „zweites Leben“ für Produkte und Rohstoffe. Aus Abfällen werden neue Produkte. Für diesen Bereich bietet die Einrichtungsbranche ein großes Potenzial: Es wurden Designerprodukte aus alten PET-Flaschen gezeigt, Waschmaschinentrommeln wurden zu Stauraum. Der spannende Punkt hier ist, dass in der Frühzeit des Recyclings die Resultate von Upcycling-Versuchen eher unansehnlich waren – auf der interzum gab es wiederum sehr coole, ästhetische Produkte für unterschiedliche Geschmäcker. Von konservativ bis ultramodern. Das Thema Upcycling, das 2017 noch auf einer Sonderfläche zu finden ist, wird sich bestimmt in Kürze auch auf den Ständen der Aussteller wiederfinden – dafür werden ganz unterschiedliche Faktoren sorgen: Der Schwund an Ressourcen, das öffentliche Bewusstsein, aber auch Kostengründe und Marketinggesichtspunkte. Neben Upcycling gab es noch eine Reihe weiterer Sonderausstellungen, die das Thema Nachhaltigkeit im Blick hatten. Der zum dritten Mal ausgelobte Green Product Award der Agentur white lobster gab Newcomern und etablierten Unternehmen gleichermaßen die Möglichkeit, ihre Nachhaltigkeitslösungen zu präsentieren. 100 Produkte gab es auf der interzum zu sehen: von der Armatur Blue Home von Grohe bis hin zu Bridge&Tunnel – einem Denim Design-Unternehmen aus Hamburg, das mit Stoffabfällen arbeitet und darüber hinaus Menschen mit geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt eine Perspektive gibt. Und auch die Nachwuchsdesigner, die sich auf dem VDID Newcomers‘ Award 2017 präsentieren durften, hatten einen Entwurf zum Thema: David Gebka zeigte ein „Habitat“, sein autonomes Bienenhaus, das Bienenschwärmen in Städten ein Zuhause bietet. Die interzum hat also nicht nur die Menschen im Blick – auch für Bienen gibt es hier Interessantes zu sehen.

Dreidimensionalität & Leichtbau

 Jens Otten hat sich für seinen Stuhl „ee08“ von architektonischer Tragwerkskonstruktion inspirieren lassen. Das Resultat: ein leichtes, materialsparendes Designstück.

Jens Otten hat sich für seinen Stuhl „ee08“ von architektonischer Tragwerkskonstruktion inspirieren lassen. Das Resultat: ein leichtes, materialsparendes Designstück.

Von der Nachhaltigkeit ist es nur ein kurzer Schritt zum Thema Leichtbau, dem die Interessengemeinschaft Leichtbau e. V. eine Sonderausstellung auf dem Messeboulevard Nord widmete. Aus gutem Grund: Leichtbau bedeutet Ressourcen-Schonung. Er bedeutet aber auch: Flexibilität. Denn ein Tisch, den man allein aus dem 4. Stock runtertragen kann, wird sicherlich auch die Hürde zum Umzug niedriger setzen. Unter den vielseitigen Exponaten waren Tische und Stühle zu sehen, die nur den Bruchteil des Gewichts eines normalen Stuhls oder Tisches aufwiesen. Es gab modulare Regalsysteme, die flexibel, skalierbar und platzsparend sind. Oder Regale, die von den Gesetzen der Bionik inspiriert sind. Und auch hier ist klar: Leichtbau wird die Zukunft des Möbelbaus wesentlich mitbestimmen.

In Nuancen sichtbar, aber mit viel Potenzial nach oben, war das Thema 3D. In Halle 10 hatte der Designer und Trendforscher Rolf Warda eine Ausstellung mit dem Titel „Digital 3D-Surfaces“ zusammengestellt. Der 3D-Druck findet zunehmend Anwendung im Möbel- und Innenausbau. Für die Ausstellung legte Rolf Warda den Fokus auf die neuesten Entwicklungen im Bereich Oberflächen.

Ob psychedelischer Teppich oder Akustik-Paneele, die durch 3D-Silikondruck zum Kunstwerk werden – auf dieser kleinen Fläche zeigte sich, welche Möglichkeiten sich aus 3D-Effekten ergeben. Für die Gestaltung bringt 3D-Druck eine zusätzliche Dimension der Individualität – und die ist, wie wir oben beschrieben haben, immer noch der Haupttreiber der Einrichtungsbranche.